We are from the internet!

„Darum ärgere ich mich so, dass wir Piraten es verkakt haben“ sagte Michele Marsching auf dem piratigen Aschermittwoch in Straubing 2018. Der Satz trifft es. Ja, wir haben es verkakt aus vielerlei Gründen, aber unabhängig davon nicht aufgrund von mangelndem Fachwissen oder Unfähigkeit als solches. Wohl eher aus dem Grund, weil Nerds nicht die sozialsten Protagonisten sind. Sicherlich hätten wir die AfD der deutschen Politik werden können, aber dann wären wir halt nicht mehr die Piraten gewesen. Leute wie Peter Böhringer, der jetzt Vorsitzender im Haushaltsausschuss ist und einen unsäglichen Vortrag über ESM bei den Piraten als „angeblicher Pirat“ gehalten hat, hätten dann die Partei übernommen. Eigentlich bin ich stolz auf die Piratenpartei, dass sie die Übernahmen von links und rechts des Parteienspektrums überlebt hat.

Hätten sich statt Patrick Breyer inkompetente Leute wie Peter Böhringer durchgesetzt, dann hätte man die Flucht ergreifen müssen, so aber hat der Kern der Partei überlebt. We are from the internet!

Ja wir sind kläglich gescheitert und von den Aufbrüchen der Bordkapelle sind die Ziele, den Bundestag zu entern nie erreicht worden. Über 10 Jahre harte Arbeit um dann als Nullkommapartei im Aus zu landen. An der Leistung und der Arbeit der Piraten lag das nicht unbedingt. In allen Parlamenten in denen die Piraten vertreten waren, haben sie gute Arbeit geleistet. Die Lübecker Nachrichten stellte den Piraten sogar das Zeugnis aus, die fleissigste Partei zu sein. Die Personen, die die Piraten hervorgebracht haben, wurden von anderen Parteien gerne übernommen. Manche sitzen für die FDP, manche für die Linke in den Parlamenten. Die schlechtesten und gruseligsten, die bei den Piraten Politik gelernt haben, jetzt für die AfD. Den Müll, den wir losgeworden sind, den hat der Wähler dann in die Parlamente gewählt. Ich weiß, man darf Menschen nicht als Müll bezeichnen, aber ich meine das nur inhaltlich. Denn was manche dieser Protagonisten vertreten haben, die jetzt bei der AfD sind, ist sachlich und fachlich einfach Müll und teilweise sogar menschenverachtend und widerwärtig. Da wir eine Mitmachpartei gewesen sind, bei der auf Grund unserer liberalen Haltung wirklich jeder mitmachen konnte, hatten wir diese Abgründe eine zeitlang auch bei uns. Das Spannende daran ist, dass jene gegen die Mehrheit der Piraten, letztlich auf die Schnauze flogen und das Weite suchten.

Das traurige allerdings ist auch, dass Menschenhetze und unfachliches Gebrabbel, beim Wähler mehr Anklang findet. Mit dem Weggang der lautesten Schreihälse ging auch der Stimmenanteil zurück. Die Abwehrschlacht gegen rechts verlief noch leichter als die Abwehrschlacht gegen links. Linke sind die geschickteren Intriganten und bilden stabilere Seilschaften. Doch letzten Endes konnten auch sie die Partei nicht entern. Es blieb ein harter Kern Idealisten übrig, die sich auch mit dem Schicksal einer 0,7-Prozentpartei anfreunden konnten, die sich noch nicht mal von den organisatorischen und personellen schlechten Traditionen in der Partei abschrecken ließen.

Ich muss gestehen, ich bin ein uralter Netizen. Einige Netzbewohner sind mir bekannt aus der Zeit als der Pegasus von der Zeit veranstaltet wurde, wir uns für Stefan Münz und Freedom for Links einsetzten. Den Begriff Piraten gab es damals nicht. Wir waren Überzeugungstäter. Wir träumten von einem freien Netz. Ohne Grenzen und wir als Menschheit können uns frei austauschen. Als das Netz größer und größer wurde, sowohl an Anzahl der Teilnehmer als auch physikalisch, verlor ich manche Protagonisten aus den Augen. Letztlich überrachte es mich dann aber doch nicht, als ich einige der damaligen Protagonisten bei den Piraten wiederfand. Wir waren unabhängig voneinander dort gelandet, egal aus welcher Partei wir vorher kamen. We are from the Internet!

Einige sind nach den Problemen auch wieder aus der Partei ausgetreten, denn diesen politischen Sumpf, denn politische Kandidaturen manchmal hervorbringen, denn will sich manch einer nicht mehr antun. Themen statt Köpfe hat halt nicht funktioniert, weil das System selbst Köpfe vorsieht. Die Presse stürzt sich auf den Bundesvorstand und nicht die Partei als Ganzes. Auch der jeweilige Spitzenkandidat ist eben auch ein Kopf. Wir haben lernen müssen, dass Themen statt Köpfe nicht funktioniert. Auch haben wir lernen müssen, dass nicht derjenige der Ideen hat, dafür belohnt wird. Fleiß und harte Arbeit von der Gesellschaft weder pekuniär noch sonst irgendwie gewürdigt wird, und schon gar nicht mit Wählerstimmen belohnt wird.

Das bedeutet nicht, dass wir gänzlich erfolglos gewesen wären. Im Gegenteil wenn die Bundesregierung plötzlich der EU fahrscheinlosen öffentlichen Nahverkehr als Pseudotablette anbietet, dann mag das auch auf unser Wirken zurückgehen. Zwar haben sie unsere Gedanken nicht begriffen, sondern einfach nur kopiert, weil es ihnen in den Kram passt und nennen es kostenlos, was wir teilweise 2006 auch getan haben, um es dann in jahrelanger Arbeit zu verbessern und es eben fahrscheinlos zu nennen, weil es dem, was wir meinen. besser entspricht. Das Erschreckende ist eigentlich wie konzeptlos die Bundesregierung diesbezüglich jetzt ist. Kopieren alleine langt halt nicht aus, die Idee muss auch verstanden worden sein. Die Ideenwelt, die bei den Piraten da dahinter steht ist: We are from the Internet!

Wir hatten die Idee einer besseren Welt. Diese Idee einer besseren Welt wurde uns geklaut. Sie wurde von Konzernen und Politik teilweise vernichtet. Und so fanden wir uns als Gegenbewegung plötzlich in einer Partei wieder. Wir wurden als Piraten beschimpft, weil die Rechteverwalter, die mit anderer Leute Ideen Geld verdienen, unser Teilen und Austauschen als piratig bezeichneten. Sie bezichtigten uns des Diebstahls. Doch wurde da gar nichts gestohlen. Jeder von uns erkennt die Leistung eines Tim Berners Lee oder eines Linus Torvald an. Im Gegenteil es sind unsere Helden. Ohne diese Menschen gäbe es weder Google noch gäbe es Amazon. Wir haben hier gar nichts gestohlen. Die Kultur des Open Source und die Kultur des Teilens hat hier wesentlich mehr gegeben. Aber schon das Teilen von Informationen wurde durch das Hamburger Landgericht als skeptisch betrachtet. Darüber hinaus bestimmt heutzutage nicht der Produzent oder Autor darüber, wo sein Werk zu sehen ist, sondern der Rechteinhaber. Da aber eine Produktion vorfinanziert werden muss, sobald sie größer ist, werden Rechte verkauft. Somit haben wir heute Ländergrenzen im Netz. Anhand der IP-Adresse wird dann bestimmt, ob man ARD oder ZDF schauen darf. Das freie Netz ist tot.

Nun „We are from the Internet!“ und die ersten sind bereits bei IPFS gelandet, die dort sich wieder so frei bewegen, wie zu Anfang des Internets, aber mit den gleichen Problemen, da nicht alles immer zu finden ist. Solche Bestrebungen werden natürlich mit Netzfiltern bereits bekämpft. Freiheit ist etwas, was den Mächtigen wohl suspekt ist. Wer Pirat ist, egal ob das früher so hiess oder nicht, wer ein solcher Pirat ist, wird aber seine Freiheit haben wollen. Im Sinne des Geistes der Aufklärung bemühen sich Piraten um die Entwicklung von Wissenschaft und Bildung als Basis eines technischen, kulturellen und politischen Fortschritts und begründen ihre Auffassung, der freie Bürger könne, eigenständig denkend, nur an Verfassung und Recht gebunden, sein Leben selbst bestimmen. In diesem Sinne wehren wir uns auch immer wieder gegen Menschenrechtsverletzungen und kämpfen für freie Gedanken. Da diese Freiheit auch die des Andersdenkenden mit einschliesst, wurden wir von linken und rechten Kräften zeitweise geentert.

Ich weiß nicht, ob und wie wir uns davon erholen können, aber ich weiß „Wir werden nicht wieder verschwinden!“ selbst wenn wir nicht mehr Piraten heissen, wir sind immer noch da. Wir sind in die Politik aus Notwehr gegangen und diese Notwehr ist dringender denn je. Tagtäglich wird die Freiheit immer mehr bedroht. Wir dürfen nicht aufhören zu kämpfen, sonst morden sie uns morgen.

We are from the Internet!