Lieferjunge

„Ja genau, die Würde des Lieferjungen, der voll gestresst jeden Tag 1000 Pakette liefert und dafür 1300 Euro Netto hat, ist auch unantastbar und dann darf der der nicht arbeitet nicht mehr Geld zur freien Verfügung haben als der Lieferjunge sonnst hat der keine Würde mehr.“ haute mir einer in einem Tweet entgegen. Und weiter meinte er „Warum sollte der Lieferjunge morgens aufstehen wenn er mit Hartz4 einer vollumfänglichen Gleichstellungsversorgung sich noch den Stress des Arbeitens antun?“

Das erinnerte mich an Sylvester. Sylvester war der Vorname unseres Postboten in meiner Kindheit in den sechsziger und siebziger Jahren des letzten Jahrtausends. Im Gegensatz zu dem gestressten Lieferjungen hatte er auch noch Schafe und Betrieb die Poststelle in dem Dorf in dem ich aufwuchs. Im Gegensatz zu dem gestressten Lieferjungen, den der Tweeter beschreibt, sprach der Postbote durchaus auch mal mit dem Bauern und statt das die Post um halb Zehn kam, kam sie dann auch schon mal um halb zwölf, wenn er sich verratscht hatte. Ja, dieser Liefermethode mag nicht so effizient sein. Das Gesamtsystem der Post und Paketauslieferung mag dadurch auch leicht teurer sein. Aber im Gegensatz zu dem gestressten Lieferjungen, der unterbezahlt zum Lebensunterhalt gezwungen wird, ein Leben zu führen, das ihm möglicherweise nicht einmal eine Familie ermöglicht und er letztlich nach einem Arbeitsleben keine Rente hat, die ihn würdig überleben lässt, hatte Sylvester ein Leben.

Die Post kam mit Sylvester zuverlässig an. Sie kam selbst dann an, wenn die Straße falsch geschrieben war. Und manchmal genügte es dass nur Name und Ort auf dem Brief stand und er kam auch ohne Postleitzahl, Straße und Hausnummer an. Sylvester kannte sein Dorf und seine Kunden. Ende der siebziger Jahre wurde das ganze professioneller. Die Post eröffnete eine eigene Poststelle mit eigenen Angestellten und die Poststelle zog aus dem Haus von Sylvester um in eine eigene Postfiliale. Es gab eigene Angestellte und die Zustellung der Post wurde unzuverlässiger. Mit der Privatisierung schloss dann die Postfiliale wieder in dem Dorf. Sie rechnete sich nicht. Und heute sind wir bei dem System, dass die Pakete auch nicht mehr mit der Post kommen, sondern von einem gestressten Lieferjungen geliefert werden, der ein viel zu großes Gebiet bedienen muss. Zu Gesprächen besteht nicht nur kein Anlass, die Gesichter wechseln, weil das Personal wechselt. Ein Vietnamese hielt es mal fünf Jahre durch, bevor er die Segeln strich. Man hatte sich gerade mal an ihn gewöhnt.

Waren die 1950er Jahre noch davon geprägt, das Land irgendwie aufzubauen, war das die Möglichkeit für Sylvester Postbeamter zu werden. Und ja klar waren die Schafe auch ein Überbleibsel aus der Nachkriegsnot. Abgeschafft hatte er sie allerdings nicht. Die Vorschriften wie eine Postfiliale zu sein hat, führten letztlich dazu, dass der Mischbetrieb im Hause von Sylvester beendet wurde. Was wir durch die Mehrkosten erreicht haben, dass solche Dörfer in denen Sylvester lebte gar keine Postfilialen mehr haben. Die Lebensumstände des einzelnen werden unwürdiger.

Sylvester würde in der heutigen Zeit wohl SGBII-Empfänger werden. Zum eigenen Bauernhof langt es nicht. Die Qualifikationen für die neue Arbeitswelt genügen nicht. Den Stress des Lieferjungen würde er auch aufgrund seiner körperlichen Fähigkeiten nicht haushalten und würde dazu auch gar nicht fähig sein. Und für ein gemächliches Postaustragen haben wir nicht mehr die Zeit und die Musse. Getaktet müssen die Pakete in unter 24 Stunden aus dem Logistiklager sofort beim Kunden sein. Der Mensch wird, wenn er nicht durch die Maschine ersetzt wird, komplett wie bei Amazon überwacht. Das ganze selbstverständlich mit einer Bezahlung, die zumindest in München noch nicht einmal für eine eigene Wohnung langt.  „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ wohl schon lange nicht mehr, wir wissen gar nicht mehr was Würde ist. Sylvester hatte als Postbeamter das Glück, dass er zu einer Zeit die Post austragen konnte, als die Republik gerade im Aufbau war. Sylvester hatte das Glück, dass die Überregulierung ihn noch nicht betraf. Sylvester hatte weiterhin das Glück, dass er eine Beamtenpension bekam. Sylvester hatte darüber hinaus das Glück, dass er die gestressten Lieferjungen nicht mehr erleben musste.

Wehe wir lassen Menschen würdig leben und wehe wir optimieren unser System nicht, dann hat der Tweeter wahrscheinlich Angst, dass niemand mehr seine Pakete mehr liefern würde. Sylvester würde die Pakete schon liefern, wenn man ihn in der modernen Welt lassen würde. Doch heutzutage lassen wir Leute wie Sylvester gar nicht mehr. Im Sinne der Aktienrendite muss es der gestresste Lieferjunge sein.