Nicht um Eralp geht es
Man kann über Elif Eralp denken, was man will. Man kann ihre Politik ablehnen, ihre Partei für unwählbar halten, ihre Positionen zum Nahostkonflikt scharf kritisieren. Das alles ist legitim, und das alles ist nicht das Thema. Das Thema ist, was in dieser Woche mit einem Menschen gemacht wurde, und wie selbstverständlich es uns erscheint.
Der Ablauf ist inzwischen bekannt. Eralp strich in der Autorisierung eines Interviews einen Namen und hinterließ einen internen Kommentar: Sie könne sich und ihre Familie nicht in Gefahr bringen.[1] Nach Berichten wurde der Text samt Kommentaren von ihrem Büro versehentlich an den Spiegel zurückgeschickt.[2] Der Spiegel machte daraus eine Titelgeschichte: „Die Angst der Elif Eralp“.[3] Spiegel-Hauptstadtbüroleiter Christoph Hickmann verteidigt das mit einer Abwägung: Das öffentliche Interesse wiege schwerer als die Sicherheitsbedenken. Man habe damit gehadert, so sagt er.[4]
Gehadert, und dann doch gedruckt. Genau darin liegt das Problem. Hier wurde nicht ein Skandal aufgedeckt, sondern ein Mensch bei einem Moment der Verletzlichkeit ertappt und ausgestellt. Wer um die Sicherheit seiner Familie fürchtet, ist nicht schwach, sondern realistisch. Bedrohungen gegen Politikerinnen und Politiker sind in Deutschland Alltag, und wer sie ernst nimmt, verhält sich verantwortlich. Dass diese Vorsicht zur Schlagzeile wird, die ihrer Urheberin Regierungsfähigkeit abspricht, kehrt die Logik um. Wer gefährdet ist, soll dafür noch bestraft werden, dass er es weiß.
Und die Verwertung ließ nicht auf sich warten. Aus der Sorge wurde „Angst“, aus der Angst „Erpressbarkeit“, aus der Erpressbarkeit der politische Einwand: Eine solche Frau könne nicht regieren. Politische Gegner mussten nichts erfinden. Sie mussten nur aufheben, was ihnen hingelegt worden war. So funktioniert Markierung: Ein Mensch wird zur Zielscheibe erklärt, und dann übernehmen andere das Zielen.
Wir wissen, wohin das führen kann, und zwar nicht nur aus Geschichtsbüchern. Walter Lübckes Satz von 2015 wurde jahrelang im Netz herumgereicht, ausgeschnitten, neu gepostet, mit Hass versehen, bis er im Juni 2019 erschossen wurde.[5] Niemand hat ihn „auf dem Titel“ gejagt, und dennoch gab es eine Kette von Verstärkern, in der jeder nur ein Glied war. Das ist das Tückische an der Hetze: Sie braucht keinen Anführer, der den Befehl gibt. Sie braucht nur genügend Menschen, die sagen, es sei ja nur ein Bericht, ein Post, ein Zitat, eine Abwägung.
Vor hundert Jahren sah das nicht anders aus, und der Hinweis darauf ist keine Hysterie, sondern Geschichtskenntnis. Die Weimarer Republik hatte unabhängige Gerichte, eine Presse, eine Zivilgesellschaft, sogar zeitweise ein Verbot der NSDAP in Preußen. Sie hatte alles, was wir heute auch haben. Und trotzdem wurden Matthias Erzberger und Walther Rathenau ermordet, nachdem sie zuvor jahrelang als „Verräter“ und „Erfüllungspolitiker“ markiert worden waren.[6] Der Mord stand nicht am Anfang, sondern am Ende einer langen Gewöhnung. Die Institutionen waren da. Aber die Hemmschwelle war gefallen, lange bevor jemand abdrückte.
Das ist der Kern: Der Schaden entsteht nicht erst, wenn Gewalt geschieht, sondern wenn Verhetzung als normaler Betrieb gilt. Heute kommt hinzu, was es damals nicht gab: ein Netz, in dem sich Hass in Minuten vervielfacht. Die Nordkreuz-Ermittlungen haben gezeigt, dass Adresslisten, Leichensäcke und Löschkalk keine Fantasie waren, sondern Planung, auch mit Beteiligung von Angehörigen der Sicherheitsbehörden.[7] Dass es bisher nicht zu mehr politischen Morden gekommen ist, verdanken wir auch aufmerksamen Ermittlern und, ehrlich gesagt, ein Stück weit Glück. Auf Glück sollte man keine Demokratie bauen.
Deshalb ist die Frage an die Medien keine Geschmacksfrage. Auch die Presse ist Teil dieses Gefüges. Sie darf kritisieren, sie muss es sogar. Aber sie trägt Verantwortung für das, was ihre Veröffentlichung in einer aufgeheizten Lage auslöst. Wer eine Sicherheitsbesorgnis zur Titelgeschichte macht, weiß, dass er eine Person damit noch exponierter macht. „Wir haben gehadert“ ist dann kein Argument, sondern ein Eingeständnis, dass man die Folgen gesehen hat.
Es geht also nicht um Eralp. Es geht um die Frage, ob wir akzeptieren, dass Menschen im öffentlichen Raum zur Jagdbeute werden, sobald sich daraus Aufmerksamkeit, Quote oder Machtgewinn ziehen lässt. Eine Gesellschaft, in der das normal ist, hat bereits verloren, was sie zu verteidigen vorgibt. Der Weg von der Markierung zur Tat ist nie zwangsläufig, aber er ist immer kürzer, als die Beteiligten glauben. Das haben wir vor hundert Jahren gesehen, und wir haben keine Entschuldigung, es nicht zu wissen.
Fußnoten
- Elif Eralp äußerte in internen Anmerkungen zu einem Spiegel-Interview: „Ich kann mich und meine Familie nicht für den SPIEGEL in Gefahr bringen.“ Vgl. Tagesschau, 29.10.2026: https://www.tagesschau.de/inland/regional/berlin/nach-spiegel-bericht-eralp-100.html (Zugriff: 01.11.2026). ↩
- Das Word-Dokument mit den Kommentaren wurde nach Angaben des Spiegel versehentlich von Eralps Büro zurückgeschickt. Vgl. Süddeutsche Zeitung/dpa, 30.10.2026: https://www.sueddeutsche.de/politik/debatte-um-sicherheit-spiegel-zu-eralp-veroeffentlichung-ergebnis-einer-abwaegung-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-261030-930-916916 (Zugriff: 01.11.2026). ↩
- Die Spiegel-Titelgeschichte trug den Titel „Die Angst der Elif Eralp“. Vgl. ItaliaOggi, 30.10.2026: https://www.italiaoggi.it/economia-e-politica/politica-estera/germania-la-candidata-sindaca-di-berlino-teme-hamas-b1b4h5yn (Zugriff: 01.11.2026). ↩
- Christoph Hickmann verteidigte die Veröffentlichung im Podcast von Paul Ronzheimer: „Das ist uns nicht leicht gefallen. Wir haben damit gehadert.“ Vgl. Süddeutsche Zeitung/dpa, 30.10.2026, a.a.O. ↩
- Walter Lübcke äußerte sich im Oktober 2015 auf einer Bürgerversammlung in Lohfelden. Sein Satz wurde jahrelang im Netz verbreitet; am 2. Juni 2019 wurde er von einem Rechtsterroristen auf seiner Terrasse erschossen. Vgl. Tagesschau, 07.07.2019: https://www.tagesschau.de/inland/luebcke-gestaendnis-101.html (Zugriff: 01.11.2026). ↩
- Matthias Erzberger (Zentrum) wurde im August 1921, Walther Rathenau (DDP) im Juni 1922 von Angehörigen der rechtsextremen „Organisation Consul“ ermordet. Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung, „Kampf um die Republik 1919–1923“: https://www.bpb.de/themen/erster-weltkrieg-weimar/weimarer-republik/275837/kampf-um-die-republik-1919-1923/ (Zugriff: 01.11.2026). ↩
- Bei Durchsuchungen im Zusammenhang mit der rechtsextremen Prepper-Gruppe „Nordkreuz“ im August 2017 fanden Ermittler Waffen, Listen mit Adressen politischer Feinde sowie Bestellungen von Leichensäcken und Löschkalk. Zu den Köpfen zählten langjährige SEK- und LKA-Beamte. Vgl. NDR, 21.06.2025: https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/nordkreuz-102~nimexdetail.xml (Zugriff: 01.11.2026). ↩

