Ein Kommentar zur Entwicklung der sozialen Sicherung
1. Das Rentenniveau: Vom sicheren Ruhestand zur „Zusatzvorsorge-Pflicht“
In den 1980er Jahren garantierte die gesetzliche Rentenversicherung einen Nettoersatz von etwa 70–75% des letzten Einkommens – ein Niveau, das den gewohnten Lebensstandard im Alter weitgehend sicherte. Heute liegt das Rentenniveau nur noch bei rund 48% und wird voraussichtlich weiter sinken.1
Konkret:
- Heute: Ein Durchschnittsverdiener (~4.300 € brutto) erhält nach 45 Beitragsjahren rund 1.650 € netto, abzüglich Kosten für Riester- oder Betriebsrenten.2
- 80er-Modell heute: Die gleiche Biografie würde heute rund 2.300–2.500 € netto erhalten – ein Plus von etwa 750 € monatlich.1
- Effekt: Die private Altersvorsorge ist heute kein Luxus mehr, sondern notwendig, um Miete und Grundkosten zu decken. Altersarmut betrifft längst nicht nur Extremfälle, sondern die breite Mittelschicht.1
2. Arbeitslosigkeit: Vom weichen Netz zum „Hartz-IV-Druck“
Bis zur Agenda 2010 war die Arbeitslosenhilfe unbefristet und am letzten Lohn orientiert (ca. 53–58%). Ein Facharbeiter mit 3.500 € netto hätte damals dauerhaft etwa 1.900 € erhalten.
Heute: Nach 12 Monaten Arbeitslosengeld I folgt der Absturz ins Bürgergeld (~563 € plus Miete). Erspartes muss weitgehend aufgebraucht werden.
80er-Modell heute: Auch nach längerer Arbeitslosigkeit bliebe man mit rund 1.900 € kaufkräftig.
Effekt: Angst vor sozialem Abstieg zwingt zu prekären Jobs und Lohnverzicht. Die Konsumnachfrage sinkt, soziale Mobilität nimmt ab.
3. Gesundheit und Pflege: Die versteckte Kostenfalle
In den 1980er Jahren waren Zuzahlungen in der gesetzlichen Krankenversicherung gering, Zahnersatz weitgehend abgedeckt, und Pflegeheime kosteten nur wenig Eigenanteil.
Heute: Hohe Eigenanteile bei Zähnen, Brillen, Medikamenten, Pflegeheimplätzen (oft 2.500 €+ pro Monat).
80er-Modell heute: Die Rente (2.400–2.500 €) würde die Kosten weitgehend decken, ohne dass Ersparnisse oder das Eigenheim angegriffen werden müssten.
Effekt: Ein erheblicher Teil des Einkommens fließt heute in „Angstsparraten“ – Geld, das früher für Konsum, Bildung oder Vermögensaufbau genutzt wurde.
4. Wohnen und Familie: Kaufkraftverlust im Alltag
Der soziale Wohnungsbau war damals staatliche Kernaufgabe, Mieten stärker reguliert, Kindergeld hatte höhere relative Kaufkraft.
Heute: Familien in Ballungsräumen geben oft 40–50% des Einkommens für Miete aus.
80er-Modell heute: Staatlicher Wohnungsbau und Regulierung würden mehr Nettoeinkommen für Alltag, Bildung und Lebensqualität lassen.
Effekt: Hohe Wohnkosten verringern den Spielraum, verstärken soziale Ungleichheit und drücken auf Lebensqualität.
Vergleichstabelle: Sicherheitslücke
| Bereich | Heute (2026) | „West-BRD-80er“-Modell heute | Differenz / Gefühl |
|---|---|---|---|
| Nettorelevante Rente | ~1.650 € | ~2.400 € | +750 € Sicherheit1 |
| Arbeitslosenhilfe | 563 € + Miete | ~1.900 € (unbefristet) | Kein sozialer Abstieg |
| Gesundheitskosten | Hohe Zuzahlungen | Nahezu Null | +100–200 € frei im Portemonnaie |
| Sparquote | Erzwungen (Altersvorsorge) | Freiwillig | Höhere Konsumkraft2 |
5. Der Mythos der Unbezahlbarkeit
Kritiker führen oft Demografie als Begründung an: zu viele Alte, zu wenige Junge. Tatsächlich zeigt ein Blick ins Ausland:
- Österreich: Rentenniveau ca. 80% – alle zahlen ein, Basis breit, Stabilität hoch.
- Schweiz: AHV als Volkspension, alle zahlen ein (auch Nichterwerbstätige und Reiche), hohe Einkommen begrenzt → massive Umverteilung und Stabilisierung.
6. Das Mackenroth-Theorem und die Wertschöpfung
Jede Sozialleistung muss aus dem aktuellen Volkseinkommen finanziert werden. Ob umlagefinanziert oder kapitalgedeckt, entscheidend ist die wirtschaftliche Produktivität.
Deutschland koppelt Rente starr an Löhne, nicht an die Wertschöpfung. Mit steigender Produktivität durch Automatisierung oder KI, aber stagnierenden Löhnen, entsteht Finanzierungslücke.
Würde Deutschland die gesamte Wertschöpfung (inkl. Maschinenleistung, Kapitalerträge) einbeziehen, wäre das 80er-Renteniveau problemlos finanzierbar.
Fazit: Der geschrumpfte Sozialstaat
Der deutsche Sozialstaat ist heute primär auf das Existenzminimum getrimmt. Verantwortung für Altersvorsorge, Gesundheit und Arbeitslosigkeit liegt weitgehend beim Einzelnen. Die Folge: mehr Angst, Prekarität und gesamtwirtschaftlicher Kaufkraftverlust.1
Das „beste Sozialsystem Europas“ von einst existiert faktisch nicht mehr – geblieben sind meist nur die Formalien. Eine Diskussion über die Zukunft des Sozialstaats sollte wieder die Frage stellen:
Soll er nur noch Armut verhindern – oder den erarbeiteten Lebensstandard sichern?
