Es beginnt mit einer freundlichen Anfrage. Der Betreiber von auf-recht.net hatte meinen Artikel „Der große Selbstbetrug: Wie Deutschland seine Fachkräfte vertreibt“ in häppchenweisen Mastodon-Posts gelesen und fragte, ob er ihn auf seinem Blog veröffentlichen dürfe.
Eine nette Geste. Ich antwortete: Der Artikel war längst erschienen – auf publikum.net/selbstbetrug/. Schon bevor ich ihn auf Mastodon vertrötete.
Kurze Pause.
Er hatte ihn nicht gefunden. Nicht über Google. Nicht über eine gezielte Suche nach meinem Namen. Der Artikel existierte, war veröffentlicht, indexiert, verlinkbar. Und trotzdem: unsichtbar.
Ich habe daraufhin selbst nachgeschaut. Und er hatte recht.
Das Experiment: Wer bin ich noch?
Die Suche nach „Arnold Schiller“ im Google-News-Tab brachte im Jahr 2026 folgendes zu Tage: einen Piratenpartei-Artikel von 2023, einen Spiegel-Beitrag aus dem Jahr 2020, einen TZ-Artikel von 2011 – und dann, als wäre die Logik endgültig zusammengebrochen, fünf amerikanische Todesanzeigen. Arnold Schiller, gestorben in Kenosha, Wisconsin. Arnold Schiller, South Eulich, Ohio. Arnold Schiller, Milwaukee.
Kein Treffer auf publikum.net. Kein Treffer auf arnold-schiller.de. Nichts aus den letzten 24 Stunden, obwohl ich am Tag zuvor noch veröffentlicht hatte.
Früher funktionierte das anders. Eine Veröffentlichung bei publikum.net stand wenige Stunden später in den Google-News-Ergebnissen für meinen Namen. Das war kein Luxus – das war die Grundfunktion einer Suchmaschine: Hilf einem Leser, den Autor zu finden, dessen Texte er kennt.
Diese Grundfunktion ist kaputt.
Was strukturell schiefgelaufen ist
Google und andere Suchmaschinen haben ihre Algorithmen zunehmend auf sogenannte Entity Recognition umgestellt – LLM-gestützte Erkennung, was oder wer ein Suchobjekt ist. Für Personen mit Wikipedia-Eintrag, Knowledge-Graph-Panel oder institutioneller Verankerung funktioniert das gut genug. Für alle anderen – reale Menschen, die seit Jahren publizieren, aber keinen algorithmischen Ankerpunkt haben – passiert folgendes: Der Algorithmus erkennt „Arnold Schiller“ als Personenname, findet keinen autoritativen Datenbankankerpunkt, und füllt das Vakuum mit dem, was Plattformen mit hoher Domain-Authority über Menschen dieses Namens ausgeben.
Legacy.com hat hohe Domain-Authority. LinkedIn hat hohe Domain-Authority. Instagram hat hohe Domain-Authority. Eine Kärntnerin, die vor Monaten einmal einen meiner Posts repostet hat, erscheint in meinen Suchergebnissen. Ich selbst nicht.
Das ist keine Panne. Das ist die Logik des Systems.
Kein Treffer auf publikum.net. Kein Treffer auf arnold-schiller.de. Nichts aus den letzten 24 Stunden, obwohl ich am selben Tag noch veröffentlicht hatte.
Wohlgemerkt: Google hat den Artikel sehr wohl. Sucht man nach „Selbstbetrug Arnold Schiller“ – also mit dem Titel – erscheint er prompt in Google News, korrekt indexiert, mit Zeitstempel. Das System weiß, dass der Artikel existiert.

Aber sucht man nach dem Autornamen allein – wie jemand sucht, der einen Autor kennt und dessen neueste Texte finden möchte – erscheinen amerikanische Todesanzeigen. Die Verbindung zwischen Autor und Werk wird nicht mehr hergestellt.
Der unsichtbare Autor
Die Ironie ist dicht. Ich habe in den vergangenen Wochen zwei Artikel über genau dieses Phänomen veröffentlicht: über die Art, wie KI das menschliche Web frisst, wie LLMs Trainingsdaten aus Usenet-Archiven und Blogbeiträgen destillieren, ohne die Autoren zu fragen, und wie Suchmaschinen durch ihre KI-Überlagerung immer schlechter darin werden, tatsächlich Relevantes zu finden.
Diese Artikel sind jetzt selbst das Beispiel, das sie beschreiben.
Ein Journalist, der über die Unsichtbarkeit von Inhalten schreibt, kann von einem Kollegen nicht mehr gefunden werden. Der Kollege fragt um Erlaubnis für etwas, das längst veröffentlicht ist. Die Erlaubnis war nie nötig – aber sie zeigt: Das Netz hat seinen eigentlichen Job vergessen. Es sollte verbinden. Es isoliert.
Zwei Fehler, ein System
Die KI-gestützte Suche macht in diesem Kontext zwei charakteristische Fehler, die gegensätzlich wirken, aber denselben Ursprung haben:
Fehler eins: Halluzination. Eine andere KI, die ich in einer Recherche zu einem ähnlich gelagerten Thema befragte, lieferte mir eine tabellarisch aufgebaute Liste mit sieben Einträgen, vollständig mit Datum, Ort und Quellenlink auf sueddeutsche.de, waz.de, rbb24.de. Präzise. Überzeugend. Und komplett erfunden. Die URLs führten ins Leere. Die Artikel existierten nie.
Fehler zwei: Blindheit. Die gleichen Systeme, die sich Quellen aus dem Nichts erschaffen, finden reale Artikel nicht mehr, die seit Wochen online sind, korrekt indexiert, von einem Autor, den man beim Namen kennt.
Das ist kein Widerspruch. Beides ist dasselbe Grundproblem: Das System optimiert auf Plausibilität, nicht auf Wahrheit. Es erzeugt, was sich richtig anfühlt – und übersieht, was tatsächlich existiert.
Was das für Autoren bedeutet
Wer heute im deutschsprachigen Netz publiziert – auf Plattformen wie publikum.net, auf dem eigenen Blog, in dezentralen Netzwerken wie Mastodon – muss damit rechnen, dass die Auffindbarkeit der eigenen Texte nicht mehr durch Qualität oder Aktualität gesichert wird, sondern durch algorithmische Zufälle und Plattform-Autorität.
Ein Artikel, der nicht bei einem der großen Verlage erscheint, hat kaum noch Chancen, in einer Namenssuche aufzutauchen. Nicht weil er schlecht ist. Nicht weil er unaktuell ist. Sondern weil der Autor keinen Eintrag in der richtigen Datenbank hat.
Die Konsequenz ist eine strukturelle Benachteiligung unabhängiger Stimmen gegenüber institutionellen. Wer für die FAZ schreibt, wird gefunden. Wer auf publikum.net schreibt, wird von einem wohlwollenden Kollegen per Mastodon-Häppchen entdeckt – und muss dann erklären, dass der ganze Text schon längst veröffentlicht ist.
Epilog: Die freundliche Anfrage
Der Betreiber von auf-recht.net hat meinen Artikel am Ende nicht neu veröffentlicht. Vielleicht verlinkt er ihn. Das ist die richtige Reaktion.
Aber die Frage bleibt: Was nützt eine Veröffentlichung, die niemand findet? Was nützt ein Netz, das nicht mehr verbindet?
Das Netz hat ein Gedächtnis. Aber es hat verlernt, dieses Gedächtnis zuverlässig abzurufen. Was bleibt, sind Todesanzeigen aus Wisconsin – und der stille Befund, dass man über seine eigene digitale Existenz heutzutage selbst schreiben muss, damit sie wieder auffindbar wird.
Dieser Artikel ist der Versuch.
Erschienen auf arnold-schiller.de – der Autor ist auch auf Mastodon und, mit Bauchschmerzen, auf X erreichbar.


Könnte man Suchmaschinen und Webindizierungen alten Typs kollaborativ auf eigene Faust schaffen?