Atomwaffen im Steinzeithirn: Warum Russlands Kollaps zwangsläufig ist

Kürzlich forderte der Kognitionspsychologe Christian Stöcker auf Threads alle vernünftigen Menschen auf, endlich damit aufzuhören, Russland als „Großmacht“ zu bezeichnen. Seine Diagnose: ein „technologisch, gesellschaftlich und infrastrukturell rückständiger Petrostaat mit einem Bruttoinlandsprodukt wie Italien. Aber mit Atomwaffen“1. Diese prägnante Analyse trifft den Kern, bleibt aber an der Oberfläche. Denn die ökonomische Rückständigkeit Russlands ist kein Versehen, sondern die logische Konsequenz eines Systems, das zum Überleben die Freiheit ersticken muss. Der scheinbar stabile Petro‑ und Kriegsstaat führt einen ökonomischen und demografischen Selbstmord auf Raten durch – und sein unvermeidlicher Kollaps birgt eine gefährliche globale Hypothek: eine insolvente Insolvenzmasse mit 6.000 Atomsprengköpfen.

Der Petrostaat als Überlebensstrategie des Patrimonialismus

Stöckers „Petrostaat“ ist mehr als eine wirtschaftliche Beschreibung; er ist das Symptom eines tief verwurzelten patrimonialen Systems. In einem Staat, in dem Macht nicht auf Institutionen, sondern auf persönlicher Loyalität zum „Silberrücken“ beruht, sind Rohstoffe das ideale Herrschaftsinstrument. Öl- und Gasfelder brauchen keine kreative, freie Bevölkerung, keine unabhängigen Gerichte oder rechenschaftspflichtige Behörden. Sie brauchen nur loyale „Bojaren“, die den Zapfhahn bewachen. Der gesamte Sektor macht etwa 20 % des russischen BIP aus2 und finanziert so ein System, das jede echte Innovation, die Freiheit und unabhängige Institutionen erfordern würde, aktiv unterdrückt. Die wirtschaftliche Rückständigkeit ist also kein Zufall, sondern eine Überlebensstrategie: Ein moderner, diversifizierter Markt würde das Ende des Silberrücken-Prinzips bedeuten.

Demografie: Wenn das „Affenrudel“ seine Jungen frisst

Ökonomisch betrachtet vollzieht Russland einen schleichenden Suizid. Das Land erlebt einen massiven Bevölkerungsschwund; die natürliche Abnahme belief sich 2024 auf 596.200 Menschen3. Der Krieg beschleunigt diesen Prozess auf brutale Weise:

  • Brain Drain: Seit der Invasion 2022 haben über 800.000 Russen das Land verlassen, darunter überproportional viele Hochgebildete und Junge4. Diese Emigranten entziehen der Wirtschaft genau das Humankapital, das für eine moderne Wissensgesellschaft unerlässlich ist.
  • Frontheizer: Gleichzeitig werden Hunderttausende körperlich fitte Männer an der Front verheizt. Das russische Militär bindet etwa 3 % der Arbeitskräfte und entzieht dem zivilen Sektor monatlich Zehntausende Arbeitskräfte.

Ein „Steinzeithirn“ versteht Macht als territoriale Expansion. In der modernen Welt jedoch ist Macht Humankapital. Putin gewinnt Ruinen in der Ukraine und opfert dafür die Zukunft seines eigenen Volkes.

Die Illusion der Kriegswirtschaft

Oberflächlich betrachtet scheint die russische Wirtschaft stabil: Das BIP wuchs 2024 um 4,1 %5. Doch dieser Schein trügt gewaltig. Das Wachstum wird fast ausschließlich von militärischer Nachfrage getrieben – eine Blüte auf giftigem Boden.

  • Kannibalismus der Substanz: Während die Rüstungsindustrie boomt, schrumpfen zivile Sektoren wie der Kohlebergbau. Es werden Panzer produziert, die sofort explodieren; das erzeugt BIP, aber keinen bleibenden Wert wie Maschinen, Infrastruktur oder technologischen Fortschritt.
  • Überhitzung und Verfall: Der massive fiskalische Stimulus hat die Wirtschaft überhitzt, die Inflation stieg auf 9,5 %. Der Staat kürzt Sozialtransfers, um die Rüstung zu finanzieren, und vernachlässigt Bildung, Gesundheit und zivile Forschung. Dieses Modell ist nicht nachhaltig: Sobald das Geld für die Rüstung ausgeht oder der Krieg endet, bricht das Kartenhaus zusammen, weil die zivile Wirtschaftskraft längst verkümmert ist.

Das Endspiel: Instabilität statt Stärke

Die Kombination aus patrimonialer Erdölabhängigkeit, demografischer Ausblutung und einer kriegsgetriebenen Scheinkonjunktur führt in eine einzige Richtung: den systemischen Kollaps. Die eigentliche Gefahr liegt nicht in der Stärke Russlands, sondern in der Instabilität seines unvermeidlichen Niedergangs.

Ein Zerfall dieses riesigen Reichs ohne bürgerliches Fundament, ohne funktionierende Institutionen und mit einer traumatisierten, schrumpfenden Bevölkerung führt nicht zur Demokratie. Er führt zu einem Flickenteppich von Warlords, Silowiki-Clans und regionalen Despoten – von denen einige Zugang zu Atomwaffen besitzen könnten.

Eine Insolvenzmasse mit Erpressungspotenzial

Christian Stöcker hat recht: Russland ist keine Großmacht mehr. Es ist eine Insolvenzmasse mit Erpressungspotenzial. Sein letztes Machtmittel sind nicht Wirtschaftskraft oder attraktives Gesellschaftsmodell, sondern die Drohung, die Welt in seinen eigenen Abgrund zu reißen. Die westliche Politik muss diesen Realitäten endlich ins Auge sehen. Es geht nicht darum, einem Riesen die Stirn zu bieten, sondern einen Patienten, einen Sterbenden so zu begleiten, dass sein Zusammenbruch nicht zur Katastrophe für alle wird. Die Ökonomie der Selbstauslöschung hat ihren Lauf genommen; jetzt gilt es, die geopolitischen Fallstricke zu entschärfen, die sie hinterlässt.


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