Das Märchen vom räuberischen Imker

Warum die totale Abschaffung der Erbschaftsteuer ein ökonomischer Trugschluss ist

In politischen Debatten taucht regelmäßig ein radikal-libertäres Narrativ auf: Der Staat sei ein „Imker“, der seine Bürger als „Arbeitsbienen“ bewirtschaftet, und die Erbschaftsteuer sei das ultimative Instrument dieses „Raubes“. Wer so argumentiert, nutzt meist ein geschlossenes ideologisches Weltbild, das bei genauerer Betrachtung sowohl rechtlich als auch ökonomisch auf tönernen Füßen steht.

1. Das Vakuum-Dilemma: Warum Lady Bertram dem Staat sehr wohl etwas schuldet

Das beliebte Beispiel der „Lady Bertram“, die phlegmatisch auf dem Sofa erbt und niemandem etwas schulde, ignoriert die fundamentale Voraussetzung von Eigentum: Eigentum ist kein Naturzustand, sondern ein Rechtsprodukt.

In einem Staat ohne Rechtsrahmen (man denke an Failed States oder Kriegsgebiete) gibt es kein „Erbe“. Dort herrscht das Recht des Stärkeren. Dass Lady Bertram ihr Vermögen friedlich antreten kann, liegt an:

  • Einem staatlich garantierten Gewaltmonopol, das Plünderungen verhindert.

  • Einer unabhängigen Justiz, die Testamente vollstreckt.

  • Einer stabilen Währung und Infrastruktur, die den Wert des Erbes überhaupt erst konserviert haben.

Die Erbschaftsteuer ist in diesem Sinne keine „Neidsteuer“, sondern eine Systemgebühr. Wer die Vorzüge eines stabilen Rechtsstaates nutzt, um Vermögen über Generationen zu sichern, kann sich nicht gleichzeitig über die Kosten für den Erhalt dieses Systems beschweren.

2. Der Mythos der „volkswirtschaftlichen Katastrophe“

Oft wird behauptet, die Erbschaftsteuer entziehe dem investierenden Sektor Kapital und sei somit eine „Katastrophe“. Die empirische Wirtschaftsforschung zeichnet ein anderes Bild:

  • Kapitalallokation vs. Stagnation: Große Erbschaften führen oft zu einer „Rentier-Ökonomie“, in der Kapital konserviert statt produktiv investiert wird. Studien zeigen, dass die Management-Effizienz in Unternehmen oft sinkt, wenn sie rein nach Geburtsrecht statt nach Qualifikation weitergegeben werden. Eine moderate Besteuerung zwingt Erben dazu, das Kapital effizient zu nutzen.

  • Investition in Humankapital: Steuereinnahmen fließen (idealerweise) in Bildung und Infrastruktur. Volkswirtschaftlich ist die Ausbildung von tausend Ingenieuren oft produktiver als der steuerfreie Erhalt eines gigantischen Finanzdepots in einer einzigen Hand.

  • Wanderungsbewegungen: Die oft prophezeite Massenflucht von Kapital durch Erbschaftsteuern ist statistisch kaum belegbar. Reiche Menschen ziehen seltener um, als Ideologen behaupten; soziale Bindungen und die Sicherheit des hiesigen Rechtsstandorts wiegen oft schwerer als der Steuersatz.

3. Die Verwechslung von „Leistung“ und „Eigentum“

Es ist eine ironische Verdrehung: Ausgerechnet die Verteidiger des Leistungsprinzips schützen hier ein Einkommen, das für den Empfänger zu 100 % leistungslos ist. Während Arbeit in Deutschland mit bis zu 42 % (zzgl. Sozialabgaben) besteuert wird, fordern Gegner der Erbschaftsteuer die absolute Steuerfreiheit für den bloßen „Glücksfall der Geburt“. Wer Arbeit hoch besteuert und Erbe gar nicht, bestraft Fleiß und belohnt Herkunft – das ist das exakte Gegenteil einer marktwirtschaftlichen Leistungsgesellschaft.

4. Franz Oppenheimer: Ein missbrauchter Zeuge

Der häufig zitierte Franz Oppenheimer wird oft von Libertären vereinnahmt. Doch Oppenheimer war kein Feind des Staates an sich, sondern ein „liberaler Sozialist“ und geistiger Vater der Sozialen Marktwirtschaft. Er kritisierte das „politische Mittel“ (Gewalt), um die Ausbeutung durch Monopole (insbesondere Bodenmonopole) zu beenden. Eine Gesellschaft, in der sich Vermögen über Jahrhunderte in wenigen Dynastien ballt, wäre für Oppenheimer der Inbegriff eines ungesunden Monopolismus gewesen, den es aufzubrechen gilt.

Stabilität statt Ideologie

Die Behauptung, die Erbschaftsteuer sei eine „Katastrophe“, hält dem Realitätscheck nicht stand. Erfolgreiche Volkswirtschaften wie die USA, Großbritannien oder Frankreich kennen teils deutlich höhere Erbschaftsteuern als Deutschland und sind dennoch Innovationsmotoren.

Die Erbschaftsteuer ist das notwendige Scharnier, um die Chancengerechtigkeit zu wahren und zu verhindern, dass die Marktwirtschaft in einen neuen Feudalismus zurückfällt. Wer sie abschaffen will, zerstört die Akzeptanz des Privateigentums bei jenen, die nicht das Glück hatten, im „Mansfield Park“ geboren zu werden.

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